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Kategorie: Formel1 08.09.2007
BMW Sauber F1 Team - Interview mit Willy Rampf
„Mit dem Auto von Monaco wären wir in Monza über 50 km/h langsamer.”
München/Hinwil, 4. September 2007. Der Große Preis von Italien in
Monza ist eine einzigartige Herausforderung für Fahrer und Ingenieure. Willy
Rampf, Technischer Direktor des BMW Sauber F1 Teams, erklärt, wie man sich
darauf vorbereitet.
- Was macht Monza zu einer besonderen Strecke?
Willy Rampf, Technischer Direktor: "Monza ist ein klassischer
Hochgeschwindigkeitskurs mit sehr langen Geraden, vergleichbar eigentlich nur
mit der früheren GP-Strecke von Hockenheim. An vier Stellen erreichen die
Piloten deutlich über 300 km/h, und der Volllast-Anteil beträgt 76 Prozent. Das
ist deutlich mehr als auf jeder anderen Formel-1-Strecke. Deshalb fährt man in
Monza das niedrigste Abtriebsniveau der gesamten Saison."
- Was heißt das für die Aerodynamik des Autos?
Rampf: "Wir haben für dieses Rennen spezielle Aerodynamik-Teile, ein so
genanntes Low-Downforce-Paket, entwickelt. Wir fahren hier den kleinsten
Heckflügel der Saison. Um eine ausgewogene Aero-Balance zu erreichen, wurde auch
der Frontflügel neu entwickelt und angepasst. Zusätzlich analysiert man
sämtliche Anbauteile auf ihre aerodynamische Effizienz. Nur die besten bleiben
am Auto. Einige baut man ab, weil sich dadurch die Performance verbessert. Man
geht also genau den umgekehrten Weg wie beispielsweise in Monaco, wo im Prinzip
alles ans Auto kommt, was Abtrieb produziert."

Willy Rampf, Technischer Direktor Fahrzeug
- Stichwort Monaco - wie viel weniger Abtrieb fährt man denn in Monza im Vergleich
zu dem Stadtkurs?
Rampf: "In Monaco erreichen die Autos nur an einer einzigen Stelle 290 km/h, in
Monza fahren sie dagegen vier Mal deutlich über 300 km/h. Deshalb ist es das
Ziel der Techniker, den Luftwiderstand zu minimieren. Dafür geben wir rund ein
Drittel Abtrieb her. In Monaco geht Anpressdruck über alles, in Monza dagegen
spielt der Luftwiderstand eine sehr wichtige Rolle. Allerdings darf man den
Abtrieb nicht vernachlässigen, schließlich wollen die Piloten ja dennoch spät
bremsen und schnell durch die Kurven fahren."
- Wie würde denn ein Vergleich der Höchstgeschwindigkeit aussehen?
Rampf: "Mit dem Low-Downforce-Paket erreicht der F1.07 in Monza am Ende der
Start-Ziel-Geraden eine Höchstgeschwindigkeit von rund 350 km/h. In der
Monaco-Spezifikation wäre bereits bei weniger als 300 km/h Schluss, weil die
Motorleistung dann nicht mehr ausreicht, um den sehr stark ansteigenden
Luftwiderstand zu überwinden."
- Welche Rolle spielte bei der Entwicklung der Aero-Teile der Windkanal, welche
der Supercomputer mit Intel-Prozessoren?
Rampf: "Das lässt sich nicht trennen. Bei der Entwicklung dieser Teile gibt es
eine Interaktion zwischen den Erkenntnissen aus dem Windkanal und jenen der
computergestützten Strömungssimulation. CFD und Windkanal befruchten sich
gegenseitig. CFD hat Vorteile, wenn es beispielsweise um die Entwicklung von
Flügelkonzepten geht. Dagegen ist der Windkanal unschlagbar bei der
aerodynamischen Abstimmung des Gesamtfahrzeugs."
- Wie stimmt man das Auto für den Kurs in Monza mechanisch ab?
Rampf: "Neben der Höchstgeschwindigkeit ist auch entscheidend, dass die Piloten
aggressiv über die Randsteine fahren können. Es gibt drei Schikanen mit
anschließendem Vollgasstück. Es ist wichtig, schnell aus diesen Kurven
herauszukommen, dafür muss die Traktion stimmen. Die mechanische Abstimmung ist
ein schwieriger Kompromiss: Für bestimmte Fahrsituationen wie das Überfahren der
Randsteine und für gute Traktion muss man weich genug abstimmen, darf aber nicht
zu weich werden, sonst fehlt in den schnellen Kurvenpassagen die Stabilität."
- Inwieweit fordert diese Streckencharakteristik die Bremsen?
Rampf: "Für die Bremsen ist Monza eine Art Wechselbad. Einerseits lassen ihnen
die langen Geraden viel Zeit zur Erholung, andererseits bedeutet das Anbremsen
aus sehr hoher Geschwindigkeit jedes Mal eine extreme Belastung. Am Ende der
Start-Ziel-Geraden gibt es den härtesten Bremsvorgang der Saison. Innerhalb von
drei Sekunden bremsen die Piloten von 350 km/h auf 70 km/h runter, die maximale
Verzögerung beträgt fünf g. Dabei erreichen die Bremsscheiben kurzzeitig
Temperaturen von deutlich über 1000 Grad. Besonders heikel ist der Bremsvorgang
auch deshalb, weil die Karbonscheiben auf den langen Geraden mehr abkühlen, als
es den Fahrern lieb ist - auf weniger als 400 Grad. Wenn die Piloten dann mit
rund 100 Kilogramm aufs Pedal drücken, beißen die Bremsen während ein paar
Sekundenbruchteilen nicht optimal. Darauf müssen sie sich einstellen."
- Wie sieht es mit der Belastung des Motors aus?
Rampf: "Monza stellt für die Motoren die größte Beanspruchung dar. Die Strecke
hat mit 76 Prozent den höchsten Volllastanteil aller Grands Prix. Dadurch laufen
die Triebwerke besonders lang in hohen Drehzahlbereichen. Probleme sind aber
deshalb keine zu erwarten, weil die homologierten Motoren für solche Belastungen
ausgelegt sind."
Quelle: BMW Presse-Mitteilung vom 07.09.2007
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