24.03.2008
Gastkommentar zu BMW: Der Kurswechsel
BMW wird nie wieder sein, wie das Unternehmen einmal war. Zwar versucht
BMW-Chef Norbert Reithofer darzustellen, nur ein paar Details verändert zu
haben, in Wirklichkeit werden sich die neuen Weichenstellungen mittel- und
langfristig massiv auf die weitere Unternehmensentwicklung auswirken. Ob immer
zum Guten, muss die Zukunft zeigen, denn der neue Kurs geht stellenweise in
völlig andere Richtungen, als sie von Reithofers Vorgängern einmal angesteuert
waren.
Die Unruhe im Unternehmen ist groß. Mancher sieht die Unternehmenskultur „die
Isar runtergehen“. Andere Manager bestätigen den neuen Kurs, „weil wir so nicht
mehr weitermachen konnten“, ohne im Detail zu sagen, was schiefgelaufen sein
soll. Das Unternehmen - sein Management wie seine Mitarbeiter - erleben zum
ersten Mal die Erfahrung, nicht genau zu wissen, wohin die Reise geht.
Viele der Zukunftsprojektionen Reithofers wabern unscharf hinter einer
verbalen Nebelwand. Sie zu erkennen, fällt selbst Mitarbeitern aus dem nahen
Umfeld des Vorstands schwer. Er dürfte mit seinen im Ungefähren verharrenden
Ankündigungen viel Raum für Spekulationen gegeben haben. „Der einzige konkrete
Punkt, den ich sehe“, sagt eine Führungskraft, „ist der, dass die Rendite
steigen muss.“
An einem Beispiel lässt sich vielleicht zeigen, wie unsicher die
strategischen Perspektiven geworden sind. Hatte die BMW-Führung der letzten drei
(!) Vorstandsvorsitzenden im Wasserstoff verbrennenden Ottomotor die Lösung der
Zukunft gesehen, ist das Thema heute so gut wie ad acta gelegt. So ist die
einstmals groß kommunizierte Wasserstofftankstelle am Münchner Flughafen schon
vor längerer Zeit sang- und klanglos abgebaut worden.
Die Kleinserie von Siebenern mit Wasserstoffmotor, verteilt an Prominente in
aller Welt, wird wohl künftig nur noch in Museen gezeigt werden, obwohl sie
einst von Reithofers Vorgängern als „in der offiziellen Preisliste“ stehendes
Modell versprochen worden war. Allerdings muss man B MW zugestehen, dass man
wirklich alles versucht hat, die Technologie gesellschafts- und vor allem
marktfähig zu machen. Leider führt dies zur Erkenntnis, dass das Leben auch den
bestraft, der zu früh kommt. Man möchte BMW mit seinen neuen Visionen zum
Elektroauto mehr Glück wünschen.
Der neue BMW-Kurs steckt voller Risiken. Dass der Automobilkonzern im
Augenblick strategisch wackelig erscheint, wird vor allem intern wahrgenommen.
Wahrnehmung aber – ob richtig oder falsch – ist Wirklichkeit. Deswegen sind die
Fragen, die Norbert Reithofer im vergangenen Jahr auf der Shanghai Autoshow
selbst formuliert, auch heute noch hoch aktuell: „Hat das Unternehmen durch
mutige Investitionen die Möglichkeiten geschaffen, kommende Chancen zu nutzen?
Sind die Mitarbeiter motiviert? Gibt es eine Unternehmenskultur, die
unternehmerisches Denken und Handeln fördert? Hat das Unternehmen alle wichtigen
Trends in seinem Umfeld auf der Rechnung – und wenn ja, wie ist es darauf
vorbereitet? Und nicht zuletzt: Handelt das Unternehmen verantwortungsbewusst
und zukunftsorientiert? Ist es bereit, gesellschaftliche Verantwortung als
corporate citizen zu übernehmen?“
Eine BMW-Führungskraft meint aktuell dazu: „Ich weiß nicht, ob wir noch alle
diese Fragen vorbehaltlos mit ja beantworten können. Meine Mitarbeiter sind nach
dem aktuellen Strategiewechsel jedenfalls alles andere als motiviert.“ An allen
Ecken und Enden werde auch dort gespart, wo es um produkttypische Substanz gehe.
So sei die Abkehr vom Hochdrehzahlkonzept bei der Motorenentwicklung der M GmbH
hin „zur billigeren Turboaufladung“ die Aufgabe eines Kernwertes der
Tochterfirma. „Ich sehe die Gefahr der Beliebigkeit, BMW wird wohl wie alle
werden: stromlinienförmig und börsenorientiert.“ (Hans U. Wiersch - ar/PS)
Quelle: Hans U. Wiersch, entnommen aus der aktuellen Ausgabe des
Branchen-Informationsdienstes PS-Automobilreport
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