03.03.2008
Gastkommentar: Stirbt der Mythos BMW
Die neue Strategie des BMW-Vorstandes ist vor allem auf Rendite ausgerichtet.
BMW-Chef Norbert Reithofer will Milliarden einsparen, damit der Aktienkurs
steigt und die Aktionäre ihr Investment besser verzinst bekommen. Der Ansatz ist
durchaus richtig, denn BMW war in den letzten Jahren in Sachen Rendite ins
Hintertreffen geraten. Aber: BMW läuft Gefahr, mittelfristig bei Kunden und auf
dem Kapitalmarkt das gute Image zu verlieren, eine starke und erfolgreiche Marke
für erfolgreiche Menschen zu sein.
Bislang war es bei BMW so, dass sich das Unternehmen vor allem auf die
langfristige Entwicklung in Produkte und Markenimage konzentriert hat; die
Rendite galt als zweitrangiges Ziel. Der Kurswechsel des neuen BMW-Chefs erweckt
doch leicht den Eindruck, auf die hektische Kurzatmigkeit von Quartalsdenken
zuzusteuern. Dieser radikale Kulturwechsel findet im Unternehmen mehr kritische
als befürwortende Stimmen.

Hans U. Wirsch kommentiert
Mehr als 40 Jahre hatte es gedauert, das Unternehmen vom kleinen Hersteller
mit Wurzeln im Kleinwagensegment (BMW Isetta) zum Hersteller imagestarker
Premiumfahrzeuge zu machen, dessen Produkte weltweit so begehrt sind. Die Marke
strahlt Prestige aus, gilt als hoch innovativ, dynamisch und sehr attraktiv.
Diese starke Markenwahrnehmung ist Teil des Erfolgs, denn die Kunden wollen sich
gern mit diesem Image schmücken. „Die neue Richtung führt ganz sicher zu einem
Erosionsprozess des Markenimages. Aber wenn das für alle sichtbar ist, wird Herr
Reithofer schon im Ruhestand sein. Dann hat er vielleicht die Rendite auf neue
Rekordwerte getrimmt, aber die Marke BMW zu einem beliebigen Autohersteller
downgesized“, sagt ein Ex-BMW-Vorstand. Eine Führungskraft aus dem
Entwicklungsressort hat bei BMW nun gar einen Richtungsstreit ausgemacht, „der
dem in der SPD in nichts nachsteht“.
Dabei geht es bei der Neuausrichtung nicht nur um die Rendite. Der jetzt
offiziell bekannt gegebene Stellenabbau lässt auch eine Neuausrichtung in Bezug
auf die Kommunikationsphilosophie erkennen. Denn mit der Bekanntgabe des
Stellenabbaus wurde gleich bagatellisierend nachgeschoben, dass es sich dabei
überwiegend „nur“ um Zeitarbeiter handle, die ja in den Zeitarbeitsfirmen ihren
Job behalten würden. „Das ist so nicht richtig“, sagt ein Insider, „denn viele
dieser Zeitarbeitsfirmen können Zeitarbeiter ohne Auftrag ja auch nicht weiter
beschäftigen und werden ihnen ebenfalls kündigen. Solche Kommunikationstricks
hat das Unternehmen früher nicht nötig gehabt.“
Schon jetzt zeichne sich ab, dass die Begehrlichkeit der Produkte nachlasse.
„Wir haben die Autos, aber nicht immer die Käufer dafür“, sagt eine
Führungskraft. Und wenn dann das Image noch schwächer werde, seien immer weniger
bereit, Premiumpreise zu bezahlen. Die Sparwelle lässt auch die M GmbH nicht
ungeschoren. Sie werde nun am ganz kurzen Zügel geführt. Wo früher auch mal
verrückte Experimente gewagt wurden, ist nun Schmalhans Küchenmeister. Selbst
Motorenphilosophien wie das Hochdrehzahlkonzept bei M sollen über Bord geworfen
und durch preiswertere Lösungen wie Turboaufladung ersetzt werden. Das ist zwar
nur ein winziges Detail, lässt aber auf die gesamte Situation schließen.
„Überall stöhnen die Budgetverantwortlichen, dass sie keinen Spielraum für
wirklich innovative Experimente mehr hätten. Das wird sich früher oder später
auch beim Kunden bemerkbar machen“, warnt ein Ingenieur.
Dass BMW nun auch nach Kooperationen mit GM oder Fiat schielt, sei ein
strategischer Fehler. „Es ist sogar eine Katastrophe, denn wenn wir unsere
Hightech-Triebwerke künftig auch an einen Massenhersteller wie General Motors
verkaufen, dann geben wir doch unsere Motorenkompetenz und die Führung in diesem
Segment aus der Hand“, schimpft ein Motorenmann. „Damit geht der Mythos
‚BMW-Motoren’ verloren.“
BMW-Kapitän Reithofer will aber seinen Kurs beibehalten. In jedem
Meeting wird über das neue Sparprogramm geredet, „damit wir nichts mehr tun,
ohne daran zu denken“. Dies lähme die Kreativität, „weil wir nur noch darauf
achten, Budgets einzuhalten, anstatt nur darauf, die Produkte noch besser,
attraktiver und begehrenswerter zu machen“. Der Ingenieur ist aber optimistisch:
„Wenn das Sparen in den Produkten Wirkung zeigt, bin ich im Ruhestand. Ich hoffe
aber jeden Tag, dass unser Chef sich doch noch von der Rendite als allein selig
machende Komponente im Autogeschäft verabschiedet.“ (automobilreport.com/)
Quelle: ar vom 01.03.2008, von Hans-U. Wiersch, entnommen aus der
aktuellen Ausgabe des Branchen-Informationsdienstes PS-Automobilreport
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