02.03.2009
Gastkommentar: Die Politik muss helfen, aber anders
Es ist mehr als interessant, wie sich Politiker zurzeit an Opel abarbeiten,
staatliche Hilfe fordern oder gewähren wollen. Kein Tag vergeht, an dem nicht
Großspuriges verkündet wird, was viele der von den Politikern selbst
verursachten Probleme verschleiern soll. Nach dem Tabubruch, der Enteignungen
erleichtert hat, bricht sich in einigen kleinen Politzirkeln sogar der Ruf nach
einer Enteignung von General Motors in Deutschland Bahn. So wurde in einem
SPD-Kreisverband in Nordrhein-Westfalen laut darüber nachgedacht, ob es
rechtliche Möglichkeiten gebe, GM die Tochter Opel einfach so wegzunehmen. Es
ist nachgerade absurd, zu welchen populistischen Höchstleistungen sich Politiker
aufschwingen können, wenn es um Wählerstimmen geht.
Dass handfeste und hilfreiche Politik einfach sein kann, zeigt die Umwelt-
bzw. Abwrackprämie. Die wirkt als Stimulus entgegen allen Unkenrufen wie ein
Wachstumshormon. Viele Autohändler können nicht so schnell liefern, wie manche
Modelle nachgefragt werden. Und das alles fast ohne Kosten für den
Finanzminister, denn die Mehrwertsteuer der verkauften Fahrzeuge gleicht den
Aufwand wahrscheinlich zu hundert Prozent wieder aus. Mehrwertsteuer,
wohlgemerkt, die ohne den Anreiz zum Neuwagenkauf sonst überhaupt nicht
geflossen wäre.
Was die Politiker angesichts solcher Brandherde wie Opel und Conti aber gern
übersehen, ist, dass die gesamte Autoindustrie unter der Krise zu leiden hat.
Auch die Hersteller von sogenannten Oberklasselimousinen. Dort wird zwar nicht
nach staatlicher Hilfe gerufen, dort wird subtil gelitten. Mit ebenso
verheerenden Auswirkungen auf das staatliche Gemeinwesen. So hat Daimler
angekündigt, im Jahr 2009 in Deutschland wohl keine Gewerbesteuer bezahlen zu
müssen. Gemeinden, die davon einen großen Teil ihrer Einnahmen bestritten haben,
wissen nun nicht, ob sie Schwimmbäder schließen oder sonstige Leistungen werden
streichen müssen. Und die Zehntausende Beschäftigten bei Daimler, die 26.000
Menschen bei BMW in Dingolfing und Regensburg und über 60.000 beim
Volkswagen-Konzern kosten den Staat viel Geld. In diesen Zahlen sind die
Zulieferbetriebe noch nicht einmal enthalten.
Wie wäre es zum Beispiel, wenn der Staat für einen befristeten Zeitraum die
Regeln für die Dienstwagenbesteuerung aufheben oder so ändern würde, dass die
Unternehmen die Erneuerung des Fuhrparks nicht länger aufschieben, der Kauf von
Geschäftswagen attraktiver würde. Auch hier würde ein finanzieller Anreiz über
die Kosten hinaus Wirkung erzielen können. Aber hier denken die Politiker in den
üblichen Kategorien einer Neidgesellschaft. Weil Bankenmanager unten durch sind,
wird der Handelsvertreter oder Selbstständige gleich mit in diesen Topf der
„Manager“ geworfen. Wie bitte? Wir sollen den Besserverdienern auch noch helfen,
weniger Steuern zu zahlen? Stattdessen denken Politiker wie der
SPD-Bürgermeister in Bremen lieber über eine Erhöhung des Spitzensteuersatzes
oder eine neue Reichensteuer nach. Aber deutsche Politik richtet sich schon
lange nicht nach den Notwendigkeiten, sondern nach den politischen
Gegebenheiten. Will heißen, dass allein der Machterhalt durch Wählerstimmen ins
Zentrum aller Überlegungen gerückt wird. Laut über Hilfen für Premiumhersteller
nachzudenken, ist nicht populär, wäre politisch eher schädlich. Autos für
Besserverdiener zu fördern, könnte die linken Autokritiker in Rage und in
Stellung bringen. Dass auch ein Luxusauto von Audi, BMW, Daimler oder Porsche
von Arbeitern gebaut wird, bleibt auffallend ausgeblendet.
Apropos Hilfe für die Autoindustrie: Den größten Effekt in Sachen
Hilfestellung hätte wohl ein Umdenken gegenüber dem Auto überhaupt. In keinem
Land der Welt wurde das Auto in den letzten 20 Jahren so schlechtgeredet wie in
Deutschland. Auch wenn es Barack Obama anders sieht, wurde das Automobil in
Deutschland erfunden. Verwunderlich, dass ausgerechnet hier die Gegner mithilfe
vieler Politiker so lange gegen die individuelle Mobilität Stimmung machen
konnten. Hier zu helfen, würde dem Staat keinen Cent kosten. Nur die
psychologische Überwindung, vom linken „Autobashing“ abzulassen.
Quelle: ar / automobilreport.com / Hans-U. Wiersch (Entnommen aus der
aktuellen Ausgabe des Branchen-Informationsdienstes PS-Automobilreport)
Das könnte Sie auch interessieren:
Gastkommentar zu BMW: Der Kurswechsel
(News
vom 24.03.2008)
Gastkommentar: Stirbt der Mythos BMW (News vom 03.03.2008)
Gastkommentar:
Riskanter Sparkurs bei BMW (News vom 17.02.2008)
 
|