21.01.2007
Gastkommentar - Detroit Motor-Show 2007: Das Jahr fängt gut an
Es ist jedes Jahr das Gleiche: Die gefühlte Befindlichkeit der
amerikanischen Autoindustrie unterscheidet sich dramatisch von der Wirklichkeit.
Aber es wäre auch ganz untypisch für das amerikanische Selbstbewusstsein, sich
in Wehklagen zu ergehen. Während die Deutschen klagen, ohne zu leiden, klagen
Amerikaner nicht einmal, wenn sie leiden. Das ist das Positive an der diesmal
geradezu frühlingshaften Januar-Messe in der Detroiter Cobo Hall, die übrigens
in diesem Jahr 100-jähriges Jubiläum feierte.

GM-Entwicklungschef Bob Lutz bei der Vostellung
des Cadillac-Spitzenmodells STS-V in Detroit.
Ab und zu tat sich auch Widersprüchliches auf. Dass sich sogar die BMWGroup-
Marke MINI der politisch nicht unbedingt korrekten Erkenntnis hingeben durfte,
dass wildes Gasgeben Spaß machen kann, was in dem Spruch "Burn rubber, not Gas"
mündete (verbrenn- Gummi, statt Benzin), ist nur ein Indiz dafür, dass die
Amerikaner sich die Freude am fahrdynamischen Erlebnis nicht nehmen lassen.
Selbst Toyota, mit der Hybridphilosophie als umweltbewusste Automarke
unterwegs, muss sich auf dieses ungebrochene Selbstverständnis einlassen. Mit
der Vorstellung des gigantischen Tundra-Pick-ups mit einem 5,7-Liter- V8-Motor
und 381 PS will die Marke nun auch in diesem Segment absahnen, das im Zeichen
gestiegener Benzinpreise eigentlich im Abwärtstrend gefangen ist. Dass Toyota in
diesem Fahrzeug nicht einmal einen Diesel anbietet, wurde von den Medien als
Fehler kritisiert.
Der Tundra wurde übrigens in Kalifornien designt, in Michigan entwickelt,
wird in Indiana und Texas gebaut, der Motor kommt aus einem Werk in Alabama, das
Getriebe aus North Carolina. "Vielleicht ist das der Grund, warum der Tundra ein
typisch amerikanischer Pick-up geworden ist, wahrscheinlich auch ein Gas-Guzzler",
also Spritsäufer, meinte ein Fernsehmoderator. Bemerkenswert an diesem Fahrzeug
ist also vor allem, dass auch ein Unternehmen wie Toyota auf die Kundenwünsche
nach Power und großvolumigen Motoren eingeht und eingehen muss, um den Marsch an
die Spitze der weltgrößten Autohersteller bald vollenden zu können. Fazit:
Allein mit Hybridmodellen ist die Krone als größter Hersteller nicht zu
gewinnen.
Mercedes-Benz punktete nicht nur mit der eigentlich bekannten, aber, so
deutlich ausgesprochen, neu erscheinenden Botschaft, eines der größten Angebote
an allradgetriebenen Fahrzeugen zu haben. Tatsächlich gaben sich von dieser
Erkenntnis selbst altgediente Motorjournalisten überrascht. Und zu hören, dass
der Vierradantrieb bei Mercedes-Benz mittlerweile 100 Jahre alt geworden ist,
mag die Ingolstädter Konkurrenz, die erst 25 Jahre Allradantrieb feiern konnte,
zwar nicht verunsichern, aber doch bescheidener werden lassen.
Mercedes-Benz punktete darüber hinaus mit einer exzellenten Pressekonferenz,
die auf einer Eisfläche mit Schlittenhunden, Eiskunstlauf-Ästhetik und einem gut
gelaunten Dieter Zetsche die Botschaften knapp auf den Punkt brachte. Und die
viertürige Konzeptstudie einer offenen S-Klasse mit dem Namen "Ocean Drive"
sollte keine Reverenz an den milden Winter sein, sondern unter Beweis stellen,
dass die Marke mit dem Stern in Sachen Design das traditionelle
Selbstverständnis mit zukunftsfähigem Trend- Creating zu verbinden versteht. Die
Studie generierte auf den Pressetagen höchste Aufmerksamkeit. Sogar mehr als das
neue Rolls-Royce-Cabrio, das im Gegensatz zum Ocean Drive eigentlich der
Erwartung entspricht.
Dass General Motors das Elektrofahrzeug neu zu erfinden versucht, war zwar
ebenso eine Überraschung, aber so richtig ernst nehmen will die Idee niemand.
Zumal da ziemlich klar ist, dass es ein solches Auto nie geben dürfte.
Bei Volkswagen zeigte sich auf dem Messestand, dass sich wohl so richtig
niemand drum gekümmert hat, hier optisch zu glänzen. Dass VW-Markenchef Wolfgang
Bernhard nicht nach Detroit gekommen war, wurde mehr diskutiert als die für den
US-Markt angekündigte BlueTec-Diesel-Initiative mit einem breiten Angebot guter
Fahrzeuge.
Gelungener Auftritt auch von Audi mit einem sehr beeindruckenden Stand, auf
der Pressekonferenz sang übrigens Seal, und der neue Audi-Chef Stadler
präsentierte nicht nur sehr gute Zahlen, sondern auch zwei Super-Highlights: den
Q7 mit V12-Diesel und 500 PS und den Q7 3.0 TDI mit BlueTec für alle 50
US-Staaten ab 2008.
Dass alle deutschen Hersteller in den USA gegen den Trend wachsen, davon
konnte VDA-Präsident Prof. Dr. Bernd Gottschalk berichten. Auch er signalisierte
hohe Erwartungen an die deutsche Dieselinitiative in Nordamerika. Gottschalk
wörtlich: "Es gibt nur wenige Automobilindustrien, die diese Globalisierung
erfolgreich bestreiten und zugleich mit der Exportweltmeisterschaft die Bindung
an den Standort unterstreichen wie wir in Deutschland. Bisher hat es noch
niemand geschafft, mit der Globalisierungskanone unseren heimischen
Standort fußlahm zu schießen."
Die Exporte aus Deutschland in die USA hätten sich in den letzten zehn
Jahren nahezu verdreifacht. 2006 seien 560.000 Einheiten von Pkws und Light
Trucks in die USA exportiert worden. Immer ist es Detroit mit der ersten großen
Automesse des Jahres. Und immer ist es Detroit, wo der Optimismus Hoffnung
macht. Auch für 2007 gilt in Sachen Autoindustrie: Das Jahr fängt gut an.
(Entnommen der aktuellen Ausgabe des Branchen-Informnationsdienstes
PS-Automobilreport)
Quelle: ar, von Hans-U. Wiersch
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